Generalverdacht in der virtuellen Welt - Urteil schränkt Videoüberwachung ein
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21. Dezember 2003 11:54 > Endlich würden wir uns sicherer fühlen, endlich würden die
Irgendwie fühle ich mich in unüberwachten Bereichen immer etwas mulmig. Das liegt am psychologischen Aspekt:
Wenn ein Bereich so unsicher ist, daß er überwacht werden muß, dann kann mir im Fall des Falls eine Kamera auch nicht helfen. Irgendwie ist es kein Trost, daß derjenige, der mich mit einem Messer gemeuchelt hat, vielleicht anhand der Videoaufnahme dingfest gemacht werden kann. Lieber wäre mir dann ein anwesender Polizist, der verhindert, daß man mich massakriert. (Ich gehöre zu den Leuten, die Polizeipräsenz nicht als bedrohlich erachten.)
Und stell Dir vor, eine Fliege fliegt Dir in den Mund und Du spuckst aus. Die Kamera sieht das und das kostet Dich 50 EUR. Die Beweislast ist nämlich jetzt bei Dir, daß es kein Kaugummi war, den auszuspucken 25 EUR Reinigungspauschale kostet (das ist kein Witz, diese Pauschale gibt es wirklich in vielen Städten).
Dank Kamera steht jeder immer und überall unter Generalverdacht. Ich finde das deshalb eine Zumutung, weil ich nichts zu verbergen habe.
> Rauschgifthändler aus dem Stadtbild verschwinden, endlich könnte die
Also ehrlich, da wo (richtige) Rauschgifthändler (und nicht droganabhängige, also kranke Gelegenheitsdealer) sind, ist man eigentlich ziemlich sicher. Die wollen nämlich nichts mit der Polizei zu tun bekommen nur weil irgendwelche Hirnis nicht die Finger von den normalen Passanten lassen können ..
Anders ist es in den Zonen in die sich die Polizei nicht blicken läßt (ja, so etwas gibt es auch in Deutschland!). Willst Du aber jetzt generell drogenabhängige (Kranke) aus unseren Städten verbannen? Am Besten gleich die Zwangseuthanasie wiedereinführen? Hatten wir das nicht schonmal irgendwie? Gibt das nicht irgendwie zu denken?
> beklaute 80-jährige Oma, die sich das Gesicht des Räubers nicht > merken konnte, wieder an ihre Handtasche kommen.
Träum weiter.
Ich habe einen interessanten Bericht über London im Fernsehen gesehen.
Dort gibt es das beste Kamerasystem der Welt. Dort gibt es nicht nur feste Kameras, sondern auch verdeckte Kamerawagen. In den letzten 2 Jahren wurde nicht ein einziger Fall dokumentiert in dem die Kameras den "Mehrwert" brachten. Überhaupt gab es glaube ich im wesentlichen wegen den Kameras nur Einsätzte wegen Wirtshauspöbeleien, die kurz drauf sowieso vom Wirt gemeldet worden wären (so war die Streife nur etwas schneller da).
Nicht einmal bei Verkehrsunfällen haben die Kameras jemals etwas geholfen. Das einzige wofür die taugen ist für Stauwarnung, die in London eh nix bringt, und Verkehrsüberwachung (da dürfen in bestimmten Bereichen an bestimmten Tagen nur bestimmte Nummernkreise fahren, weil London sonst zu voll wäre). Also Strafzettel verteilen, das wurde einfacher, hier konnte Fußvolk gespart werden, aber das bringt nicht einmal Ansatzweise die Kosten rein. Kameras sind teurer als alle konventionellen Maßnahmen zusammen.
Das flächendeckende System war zum Berichtszeitraum 2 Jahre alt. Und die Kameras gehören zu den besten der Welt, haben alle 2 Zonenüberwachung. D. h. während die eine Kamera immer das Gesamtbild aufnimmt kann die andere so stark hinzoomen, daß man das Kleingedruckte in einem Vertrag lesen kann.
Nochmals:
Keinerlei zusätzliches Verbrechen wurde aufgeklärt. Kein Autodiebstahl, kein Handtaschenraub, kein Drogendelikt, *nichts*niente*nada* wurde dank Kameras erreicht, ja nicht einmal verwertbar aufgezeichnet (der Vorgang konnte zwar in der Totale gesehen werden, aber die Details waren zu schwach. Bis der Operator hinzoomt, wenn er es überhaupt mitbekommt, ist schon alles längst vorbei).
Und die Kriminalität ist nicht auf 0 gesunken. Im Gegenteil, weil sich vor allem Touristen dank Kameras sicherer fühlen werden sie sorglos. Also hängt man weiterhin Schilder auf, die vor Trickdieben warnen. Weil Taschen und Goldschmuck kommen immer noch genauso weg wie früher, nur jetzt eher leichter.
Der Bericht hat hingegen einige aufgedeckte Straftaten geschildert, die durch Informanten im überwachten Bereich verhindert wurden, dabei sogar ein Banküberfall (Kameras können gerade mal die Flucht filmen, aber zu verhindern ist da nix mehr, das geht alles viel zu schnell). Die Informanten haben auch nur einen Bruchteil der Kameratechnik gekostet (verglichen mit den laufenden Personalkosten; Die Installations- und Unterhaltungskosten wurden gar nicht gerechnet).
Was aber in den 2 Jahren passiert ist: Unzählig viele illegale Videobänder von den Kameras sind bei Zeitungen und im einschlägigen "Märkten" aufgetaucht. Sie zeigen Pärchen, die heimlich mit diesen Kameras beim Liebesspiel beobachtet wurden. Auch Gewaltvideos sollen aufgetaucht sein, von Ehestreits die in Mißhandlungen ausgeartet sind, den gefilmten Opfern wurde nicht geholfen, die Aufnahme war ja illegal. Jetzt gibt es eine (teure) Überwachung für die Überwacher damit so etwas nicht mehr passiert, indes tauchen aber immer noch Videos auf - irgendwelche Techniker schaffen es immer wieder die Kamerasysteme mehr oder weniger unbemerkt anzuzapfen, die Verlockung ist einfach zu groß.
Nicht daß nicht Straftaten mit den Kameras verhindert wurden. Wenn ein Anfangsverdacht besteht können die üblichen Verdächtigen per Kamera verfolgt werden. Das hätte man aber anders leichter und billiger haben können. Da man ja jetzt Kameras hat, kann man die Polizeistreifen verringern. Komisch nur, daß sich die Anwohner (nicht die Touris) dadurch weniger sicher fühlen, gerade die Bobbys waren in England immer gerne gesehen.
Und die "üblichen Verdächtigen" machen mittlerweile sogar ein Spielchen daraus, entsprechendes für die Kameras zu inszenieren. Vortäuschen einer Straftat ist das in diesem Fall nicht, weil Spielverbote gibt es nicht und für die Überwachung kann man ja nix. Wenn man sich also zum Hobby erkoren hat, heimlich Päckchen mit Backpulver gegen Monopoly-Spielgeld zu tauschen, und die Kameras fangen das ein, dann ist es halt Pech wenn der teure Polizeieinsatz nichts bringt.
Oder wenn ich meine Haustür lieber mit dem Lockpicking-Set als mit meinem Schlüssel öffne (zu Sportzwecken ist das erlaubt!). Und ich darf das auch tun, wenn ich gerade als Panzerknacker verkleidet vom Faschingsball komme, ich nicht den Schlüssel besitze und das nicht einmal meine Tür ist, alles was ich brauche ist die Erlabnis vom Besitzer (und vielleicht ist er nicht anwesend sondern hat mich vorausgeschickt)!
Genau dasselbe ist der Fall wenn einige meienr Privaträume überwacht würden. Da werden Mordanschläge an Präsidenten und anderen hochstehenden Persönlichkeiten geplant, dunkle mafiöse Verbindungen geknüpft, Waffen in Milliardenwerten verschoben. Nur wenn man länger zuhört bekommt man mit, daß da ab und zu auch mit Überlicht durchs Weltall gejagt, ganze Kleingalaxien vernichtet, Sippschaften von Vampiren ausgerottet werden oder Götter neue Universen schaffen.
Rollenspiel heißt das. Cyberpunk, AD&D, was auch immer. Was kann ich dafür wenn ich überwacht werde, und die Überwacher irgendetwas nicht verstehen? Es läuft nichts illegales ab, ich habe nicht um Überwachung gebeten und ich sehe auch nicht ein, warum *ich* einen Nachteil (Scherereien) bekommen soll, nur weil irgendein angelernter Überwacher Realität nicht von Fiktion unterscheiden kann (wie soll er auch, ihm fehlt der Kontext)?
Die Welt wird zunehmend virtueller, deshalb fehlt der Kontext in zunehmendem Maße. Realität und Fiktion vermischen sich immer stärker (bestes Beispiel: Die Dot-Com-Blase). Und eine unpersönliche Kameraüberwachung kann sowieso zwischenmenschliche Belange niemals regeln. Das gilt heute mehr denn je. So etwas kann nur der - aus Geldmangel (man braucht das Geld ja für teure Kameras) leider mittlerweile abgeschaffte - freundliche SchuPo von nebenan, der die Leute kennt und somit weiß, daß die zwei, die sich gerade in der Einkaufspassage gegenseitig anschreien von der lokalen Schauspielschule sind, und mal wieder eines der intensiven Stücke proben. Natürlich in der Öffentlichkeit, weil zu den Lernerfahrungen gehört es, auf die Reaktionen der Passanten einzugehen.
Back to the roots. Es gibt Dinge, die waren früher wirklich besser. Menschen statt Technik heißt die Devise, und zwar dort, wo die Technik einfach Fehl am Platz ist und immer sein wird.
-Tino
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